06.05.2026 Transformation
Vom Datensilo zur Datenkultur - zentrale Infrastrukturen der digitalen Gesellschaft
Stellen Sie sich vor, Sie könnten Daten mit Partnerorganisationen teilen – in Echtzeit, sicher und zu fairen Bedingungen – ohne dabei die Hoheit über Ihre eigenen Daten aufzugeben. Genau das ist die Kernidee hinter Datenökosystemen. Und sie beginnt, die Art und Weise zu verändern, wie Organisationen zusammenarbeiten, Werte schaffen und Vertrauen aufbauen.
Was ist ein Datenökosystem überhaupt?
Ein Datenökosystem ist ein Netzwerk von Akteuren – Unternehmen, Behörden, Forschungsinstitutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen – die Daten unter gemeinsam definierten Regeln austauschen und nutzen. Es ist keine Plattform im klassischen Sinne, kein zentrales Datenlager und kein Konzern, der alle Daten kontrolliert. Es ist eher ein geregeltes Beziehungsgeflecht: eine Infrastruktur des Vertrauens.
Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Ansätzen liegt in der Souveränität. Wer Daten in ein Ökosystem einbringt, behält die Kontrolle darüber, wer sie unter welchen Bedingungen nutzen darf. Statt alles in einer Cloud zu konsolidieren, bleiben die Daten dort, wo sie sind – sie werden lediglich zugänglich gemacht, wo es Sinn ergibt.
Warum jetzt? Drei Kräfte, die das Thema treiben
Erstens hat die Datenmenge exponentiell zugenommen. Sensoren, IoT-Geräte, digitale Verwaltungsprozesse und KI-Anwendungen erzeugen Daten in einem Umfang, den keine Organisation allein sinnvoll auswerten kann. Wer Datenwert schöpfen will, muss kooperieren.
Zweitens, und das ist neu, braucht Künstliche Intelligenz Daten aus möglichst vielen, diversen Quellen. Ein KI-Modell, das nur auf den eigenen Daten trainiert wird, bleibt blind für das grosse Bild. Leistungsfähige KI-Anwendungen erfordern föderierte Datenzugänge: Datenökosysteme sind damit auch die Grundlage der nächsten Generation von KI-Systemen.
Drittens schafft Regulierung neue Spielregeln. Der europäische Data Act, der Data Governance Act und die laufende Entwicklung sektorspezifischer Datenräume machen klare Rahmenbedingungen für das Teilen von Daten zur Realität. Wer heute nicht versteht, wie Datenräume funktionieren, wird morgen strukturell benachteiligt sein.
Datenökosysteme in der Praxis: Global und lokal
BEST PRACTICE GLOBAL
Catena-X – das Datennetz der Automobilindustrie
Catena-X Link öffnet in neuem Fenster. ist ein weltweit anerkanntes und auf Kollaboration basierende Daten-Ökosystem für die Automobilindustrie.
Knapp 200 Mitglieder – von BMW und Volkswagen über Zulieferer bis zu Softwareanbietern tauschen Lieferkettendaten sicher und souverän aus, ohne die Kontrolle abzugeben. Das Ergebnis ist messbar: Qualitätsfehler wurden im Schnitt vier Monate früher erkannt, ein potenzieller Rückruf von 1,4 Millionen betroffenen Fahrzeugen wurde auf 14 reduziert.
Die europäische Dimension
Sektorale Datenräume und ihre Akteure
Europa hat in den letzten Jahren eine umfassende Strategie für Datenräume entwickelt. Aktuell entstehen 14 gemeinsame europäische Datenräume in strategischen Sektoren – von Gesundheit, Mobilität und Energie über Landwirtschaft und Finanzen bis hin zu öffentlicher Verwaltung und Forschung. Sie sollen sukzessive zu einem gemeinsamen Binnenmarkt für Daten zusammenwachsen.
Konkret wurde dies mit dem European Health Data Space (EHDS), der im März 2025 in Kraft getreten ist – der erste verbindliche sektorale Datenraum auf europäischer Ebene. Er ermöglicht Bürgerinnen und Bürgern die Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten und schafft gleichzeitig die Grundlage für europaweite Forschung und Versorgung.
Gut zu wissen: Open Data Product Standard (ODPS)
Die Schweizer Perspektive: Konkrete Initiativen & offene Fragen
Die Schweiz ist aktiver als oft wahrgenommen. Am 15. Januar 2025 hat die Anlaufstelle Datenökosystem Schweiz, bei der Bundeskanzlei angesiedelt, ihren Betrieb aufgenommen. Sie koordiniert den Aufbau sektoraler Datenräume, sichert Interoperabilität und erarbeitet ein gemeinsames Regelwerk. Gleichzeitig arbeitet das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement an rechtlichen Grundlagen für die Sekundärnutzung von Daten – die Vernehmlassungsvorlage ist bis Ende 2026 geplant.
Was auffällt: Die Initiativen sind vielfältig und wachsen schnell. Drei aktuelle Beispiele zeigen die Breite:
MOBILITÄT
Die Mobilitätsdateninfrastruktur MODI des Bundes schafft einen verkehrsträgerübergreifenden Datenraum für Personen- und Güterverkehr – staatlich finanziert und kommerziell unabhängig.
GESUNDHEIT
Das Bundesprogramm DigiSanté treibt die digitale Transformation im Gesundheitswesen voran – mit einem eigenen Massnahmenpaket zur Sekundärnutzung von Gesundheitsdaten für Forschung, Planung und Steuerung.
LANDWIRTSCHAFT
Der Datenraum für den Schweizer Agrar- und Ernährungssektor agridata setzt das Once-Only-Prinzip um: Landwirte erfassen Daten einmal, geben sie souverän frei und sparen damit massiv Administrationsaufwand.
Trotz dieser Fortschritte ist eine ehrliche Diagnose nötig: Die BFH-Studie zu Datenaustauschinitiativen in der Schweiz zeigt, dass über 100 solcher Initiativen existieren – ihr volles Potenzial aber bei weitem nicht ausgeschöpft wird. Datenqualität, fehlendes Vertrauen, mangelnde Anreize und fragmentierte Governance bremsen den Fortschritt. Und die Schweiz ist als Nicht-EU-Mitglied nicht automatisch Teil der europäischen Datenräume – sie muss den Anschluss aktiv gestalten.
Governance: Wer kontrolliert, was Daten dürfen?
Datenökosysteme stellen Governance vor neue Herausforderungen. Es reicht nicht, Zugriffsrechte zu regeln und Datenverträge aufzusetzen. Die eigentliche Frage ist: Wer entscheidet, wer unter welchen Bedingungen auf welche Daten zugreifen darf – und wer überwacht die Einhaltung dieser Regeln in Echtzeit?
Das wird mit dem Aufkommen autonomer KI-Agenten zur existenziellen Frage. KI-Agenten handeln zunehmend selbstständig: Sie fragen Daten ab, kombinieren sie, leiten Entscheide ab – ohne dass ein Mensch jeden Schritt überprüft. In Datenökosystemen bedeutet das: Nicht mehr nur Menschen tauschen Daten aus, sondern auch Maschinen und Softwareagenten agieren als Akteure im Ökosystem.
Was dürfen KI-Agenten – und was nicht?
Welche Datenzugriffsrechte können an autonome Agenten delegiert werden – und unter welchen Bedingungen?
- Wie wird sichergestellt, dass KI-Agenten nur innerhalb definierter Governance-Schranken handeln?
- Wer haftet, wenn ein Agent Daten falsch kombiniert oder unzulässige Schlüsse zieht?
- Wie werden Entscheide von Agenten nachvollziehbar und auditierbar gemacht?
- Wie wird verhindert, dass Agenten unbeabsichtigt sensible Daten aus verschiedenen Quellen verknüpfen?
Diese Fragen sind keine Zukunftsmusik. Sie sind heute bereits in Pilotprojekten europäischer Datenräume virulent – und werden in den nächsten drei bis fünf Jahren zu zentralen Governance-Anforderungen für jede Organisation, die in Datenökosystemen teilnimmt.
Die gute Nachricht: Es gibt technische Ansätze. Offene Standards wie der Open Data Product Standard (ODPS) ermöglicht es, Zugriffsrechte, Qualitätsanforderungen und Nutzungsgrenzen direkt in der Datenbeschreibung zu verankern. Die Governance wird damit nicht weniger wichtig – sondern muss auf Maschinenlesbarkeit ausgelegt werden.
Live aus dem Schlössli: POLI zeigt, wie Datenökosysteme Realität werden
Als Heimat von Explorer Networks bringt das Schlössli genau jene Akteure zusammen, die gemeinsam aus dem Silo in die smarte Kollaboration wollen und schafft damit den Raum, in dem Datenökosysteme von der Idee zur Realität werden.
Ein Beispiel dafür ist POLI – Ein regionaler Datenraum für Mobilität, Tourismus und Livebewegungsdaten
POLI schafft einen neutralen Datenverein für die Zentralschweiz – mit Stadt und Kanton Luzern, den Verkehrsbetrieben VBL, Luzern Tourismus, der Hochschule Luzern sowie Technologiepartnern wie Axon Vibe und Beyond Civic.
Ziel ist ein regionaler Datenraum, der Live-Daten zu Personen- und Ortsbewegungen sicher und souverän nutzbar macht für smarte Verkehrssteuerung, besseres Besuchermanagement und eine resiliente Infrastrukturplanung. Eine technische Sandbox ermöglicht schnelles Experimentieren, ohne sofortige Grossinvestitionen. POLI ist ein Referenzmodell – nicht nur für Luzern, sondern für die ganze Schweiz.
Vom Datensilo zur Datenkultur
Datenökosysteme sind nicht nur eine technische Frage. Sie erfordern eine neue Kultur der Kooperation – zwischen Organisationen, Branchen und dem Staat. Governance-Modelle müssen definieren, wer welche Rollen übernimmt: Datenanbieter, Datenkonsumenten, Vermittler, Aufsichtsstellen. Und Führungskräfte müssen verstehen, was es bedeutet, Daten als strategische Ressource zu behandeln – nicht nur als IT-Thema.
Genau hier liegt die grösste Lücke: Das Knowhow fehlt in den meisten Organisationen. Nicht weil Menschen nicht lernbereit wären, sondern weil kompakte, praxisnahe Formate, die Entscheiderinnen und Entscheider wirklich abholen, bislang rar sind.
Das Schlössli versteht sich hier ist nicht nur Veranstalter eines Weiterbildungsformats. Als Heimat von Explorer Networks bringt es genau jene Akteure zusammen, die gemeinsam aus dem Silo in die smarte Kollaboration wollen, und schafft damit den Raum, in dem Datenökosysteme Realität werden.